Lilli war als erste aufgestanden, es waren Osterferien. Heute müßte Gap nicht ich die Schule, endlich könnten sie zusammen etwas spielen. Darauf hatte sie schon sehr lange warten müssen. Die anderen schliefen alle noch. Sie könnte ja schon mal den Tisch decken, dachte Lilli.
Lilli schlich sich ganz leise ins Wohnzimmer, nur keinen Krach machen. Mama mochte das gar nicht, wenn sie vom Krach geweckt wurde. "Ich werde lieber von Kaffeegeruch wach" hatte sie einmal gesagt. Lilli konnte aber keinen Kaffee kochen, da müßte sie warten bis Gap aufsteht.

 

Der tollste Bruder der Welt

Auf dem Esstisch lag ein großer Zettel. Lilli konnte noch nicht richtig lesen, nur ein paar Worte, die hatte Gap ihr beigebracht. Aber hier mußte sie nicht lesen können, das Siegel von der Bibliothek war darauf und eine Menge Felder zum ausfüllen, und Gap stand drin. Das war ein Antrag für den Bibliothekausweis, ganz klar.

Der Papa hatte sie gebeten, Gap erstmal nicht danach zu fragen, weil Gap soviel für die Schule lernen muss und nur wenig Freizeit hat, und Lilli hatte es versprochen.

Aber Gap war eben der tollste Bruder der Welt, der konnte sogar Wünsche erraten.

***

Gap war noch gar nicht richtig wach, als er aus dem Badezimmer kam, "gehen wir gleich heute in die Bibliothek?" fragte Lilli. Wieso wir, dachte Gap, "Papa muss erst noch unterschreiben" sagte er, "und der ist ja noch gar nicht da".

"Ist er wohl" protestierte Lilli "seine Aktentasche steht ja da".

"Kochst Du Kaffee, damit Mutti aufwacht!", bat sie, "Bitte!".

Kaffee kochen war nicht schwierig. Er mußte nur die Filtertüte einlegen, das Kaffeepulver abmessen, die richtige Menge Wasser einfüllen und auf den Knopf drücken. Gap bereitete alles vor, bis auf die Stelle mit dem Knopf drücken, dann fragte er Lilli "willst du es mal versuchen?" Lilli wollte, sie kam aber nicht an den Knopf. Gap hob sie hoch, jetzt gings.

***

Etwas später saß die ganze Familie am Frühstückstisch. Gap sagte zum Papa, "Kannst du das bitte gleich unterschreiben, wir wollen da heute hingehen, ich muss was für Mathe suchen." "Wer ist wir?" "Thomas und ich" antwortete Gap. "Nehmt ihr Lilli nicht mit?" "Ja, doch ..." stammelte Gap. Er war irgendwie total durcheinander. Lilli hatte mal wieder irgendwas vom tollsten Bruder der Welt und so erzählt und das bedeutete meist nichts Gutes. Aber diesmal vielleicht doch, sie kannte den Herrn Grübel und seit Herr Grübel wußte, dass er Lilli's Bruder war, war der ja auch total nett zu ihm gewesen ..

"... natürlich nehmen wir Lilli mit". Lilli strahlte.

"Wollten wir nicht wandern?" fragte ihr Vater. "Ja natürlich" sagte Gap, "wir müssen nur vorher noch rauskriegen wohin."

***

"Wohin wollen wir denn?" fragte Lilli, als sie auf dem Weg zur Bibliothek waren. "Zur Bibliothek" sagte Gap und wunderte sich über die Frage. Lilli schüttelt ärgerlich den Kopf und sagt "nein, nachher beim Wandern?". "Zu einer Burg mit einem Drachen, die muß hier in der Nähe sein, ich weiss nur noch nicht genau, wie sie heißt, aber das steht sicher in einem der großen Märchenbücher."

"Wir müssen aber zum Mittagessen zurück sein," hat Mama gesagt "wenn wir noch wandern wollen." "Na dann beeilen wir uns lieber mal."

"Wieso gehen wir denn nicht rein?" fragte Lilli.

"Wir müssen auf Thomas warten." Thomas hatte ihm versprochen, mitzukommen. Aber alleine würde er nicht da rein gehen, soviel stand fest. Nach der Geschichte mit dem Fußball war er nicht mehr dahin gegangen.

Was Thomas wohl dazu sagen würde, dass er seine kleine Schwester im Schlepptau hatte? Das war immer sein Problem, er mochte Lilli, aber seine Freunde fanden es ziemlich doof, wenn er seine kleine Schwester mitbrachte. Gap hatte sich genau überlegt, was er sagen würde, damit Thomas bloss nicht sowas Blödes wie "was will denn der Krümel hier" oder so ähnlich sagen würde. Dann würde Lilli sicher weinen und das mußte ja nicht sein.

Aber Thomas rief schon vom weiten "Hallo ihr zwei, auch schon wach?" "Ich war zuerst wach" sagte Lilli, "dann Gap, dann Mama und dann der Papa".

Damit war offensichtlich alles geklärt. Thomas kannte Lilli und wußte, dass sie Gaps kleine Schwester ist, schließlich hatten sie im Winter ein Iglu für sie gebaut.

Sie gingen in die Bibliothek.

In der Bibliothek

Herr Grübel hat Thomas sofort erkannt, aber da er ganz offensichtlich mit Lilli und Gap befreundet war, tat er mal so als hätte er das vergessen.

Puh, Glück gehabt, dachte Thomas, der hat mich nicht wiedererkannt.

Lilli ging mit Herrn Grübel sofort in die Ecke mit den großen Märchenbüchern und fragte nach der Burg mit den Drachen. Aber dazu konnte Herr Grübel nichts sagen. "Ja, der Zauberer Rodgip muss da mal gewohnt oder gearbeitet haben" sagte Gap. Herr Grübel dachte nach, da gab es eine Geschichte mit der Prinzessin Leija. Der Zauberer Rodgip soll in sie verliebt gewesen sein und deshalb hat er sie öfter besucht.

"Aber Leija hatte sich in den Drachen verliebt. Als Rodgip erkannte, dass er keine Chance hatte, verwandelte er Leija in eine Drachen-Dame. So konnte wenigstens sie glücklich sein. Rodgip hatte danach das Tal verlassen und wurde seitdem nicht mehr gesehen. Man sagt, er ist auf eine große Reise gegangen. Wohin diese ihn geführt hat, weiß nur der Wind."

"So, das war die ganze Geschichte", sagte Herr Grübel, der ihnen aus dem großen roten Buch mit dem weiß/grünen Siegel vorgelesen hatte.

Eine tolle Geschichte fand Lilli, "aber wo ist jetzt die Burg?".

Herr Grübel überlegte kurz und sagte dann, "schwer zu sagen, aber es gibt hier in der Nähe eine Burg aus weißen Steinen, wie die die in der Geschichte beschrieben ist." "Wo?" fragen Gap, Thomas und Lilli gleichzeitig.

"Unten am Meer, sie heißt Wasserburg, weil da soviel Wasser drum herum fließt" "Ist das weit? Kann man das an einem Nachmittag schaffen?"

"Na, eher nicht, es sind sicher 14 km bis dahin, da braucht ihr 6 Stunden für Hin- und Rückweg und ihr wollt euch doch sicher auch die Burg ansehen?

***

Beim Mittagessen

"Was macht ihr denn für Gesichter? Habt ihr nicht gefunden, was ihr gesucht habt?" fragt Gaps Mama. "Ja schon, aber sie ist zu weit weg." "Wer ist zu weit weg?" fragt der Papa. "Na, die Drachenburg". "Drachenburg, davon habe ich aber noch nichts gehört?" wundert er sich. "Sie heißt Wasserburg, aber da soll ein Drachen wohnen ..".

"Und der ist morgen nicht mehr da?" fragt er.

Zur Wasserburg sind es ca. 14,5 km steht in dem Wanderplan, den Gap Vater aus den Schrank geholt hat. Da sind auch lauter interessante Sachen drin, wie die "Drachenschlucht", der "Drachenstein" und der "Drachenfels". Ist ja cool der Drachenfels ist ganz um die Ecke, nur eine handbreit weg." "Wieweit ist eine handbreit?" fragt Lilli. "Deine Hand? Dann leg sie mal hierhin. Genau 3,2 km".

"Ist das viel?" "Nein, das schaffen wir locker in einer Stunde und können sogar eine kleine Pause machen".

Damit war es beschlossen, heute würden sie den "Drachenfels" untersuchen und morgen die "Drachenburg". Mama hatte versprochen, morgen mitzukommen, denn auch sie wollte den Besuch beim Drachen nicht verpassen.

Thomas dürfte auch mitkommen, er müßte natürlich vorher noch seine Eltern fragen, darum hatte Gaps Vater ihn ausdrücklich gebeten. Klar würden seine Eltern das erlauben, die hatten ihm noch nie etwas verboten, warum auch. Thomas war relativ gut in der Schule und außer der Geschichte mit dem Fußball direkt in das Bibliotheksfenster hatte er noch nichts angestellt. Jedenfalls nichts von dem seine Eltern wußten.